Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner

Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass Sie den wunderbaren Frühling ebenso geniessen konnten wie ich. Dieses Jahr war ich zu dieser Zeit für eine kurze Weile in Genf und habe das Erwachen der Natur miterleben dürfen. Was wir hier erleben dürfen beglückt mich, macht mich aber auch immer wieder traurig. Warum dürfen nicht alle Menschen dasselbe Glück haben, warum können nicht alle so viel Schönheit erleben, warum ist es Millionen von Menschen nicht erlaubt, auch nur an einem Tag ihres Lebens so glücklich zu sein, wie wir in der westlichen Welt unser ganzes Leben. Warum haben wir sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn, genügend zu essen, Schuhe in der richtigen Grösse, Kleider für jedes Wetter, Schulen für unsere Kinder, jederzeit erreichbare medizinische Versorgung und Frieden und warum haben Millionen und Abermillionen von Menschen all dies nicht? Das, liebe Gönnerinnen und Gönner, tut mir sehr weh, und ich bin Ihnen allen so unendlich dankbar für Ihre Hilfe, denn mit dieser können wir Tausenden helfen, so, dass sie wenigstens das Mindeste bekommen, um ein Leben in Würde führen zu können.

Zum Muttertag, ich war wie bereits gesagt in Genf, habe ich einen kleinen Gruss erhalten aus Grand-Bassam. Einen Gruss einer unserer Mütter, die mit dem HI-Virus infiziert sind, die bei uns Hilfe bekommen und die mich mit ihrer Kraft so unendlich beeindrucken. Sie schrieb mir (oder besser gesagt liess schreiben, denn sie ist, wie unendlich viele andere auch, Analphabetin) im Namen aller Mütter, dass sie uns dafür danken, dass sie noch leben dürfen, und dass sie uns aus ganzem Herzen lieben. Ich gebe Ihnen diesen Dank aus ganzem Herzen weiter.

Mme Beugre Web           Brief fête de mamans Web
Madame Beugré und ihr Dankeskärtchen – Balsam für meine Seele


DAVILA - ein Schicksal – eins von vielen

Davila wurde uns gebracht, eine kleine Kreatur von sechs Jahren, die sich kaum auf den Beinen halten konnte, der man ihr Martyrium des Elends derart ansehen konnte, dass man versucht war, nur noch wegzuschauen. Aber wir haben hingesehen, das war Mitte Februar dieses Jahres.

Die Kleine war von ihrer Mutter verlassen worden, als sie ein Jahr alt war. Warum‚ das wissen wir nicht, und es interessiert uns auch nicht, denn wir sind nicht da um zu kritisieren oder zu urteilen. Also, warum auch immer, Davila wurde, gerade zwölf Monate alt, zur Grossmutter ins Dörfli gebracht, diese kümmerte sich während vier Jahren mehr schlecht als recht um das Kind, halt einfach so gut sie konnte in ihrem Alter und in ihrer Armut. Dann, Davila war fünf Jahre alt, wurde sie sehr krank und ihr Vater, ein armer Taglöhner, welcher in Abidjan wohnt, wurde informiert. Er kramte all seine kläglichen Ersparnisse zusammen, nahm den beschwerlichen Weg ins Dörfli unter seine Füsse, holte seine Tochter dort ab, und brachte sie – nein, nicht zu uns, denn uns kannte er damals noch gar nicht – sondern zu einem afrikanischen »Heiler«. Dieser schwor, Davila heilen zu können, machte aber zur Bedingung, dass der Vater die Kleine acht Monate bei ihm lassen müsse und sie in dieser Zeit nicht ein einziges Mal besuchen dürfe, denn die Isolation von ihrer Familie, so sagte er, gehöre zum Genesungsprozess.

Ja, und dann kam sie dank der Tatsache, dass der Vater inzwischen von uns gehört hatte, wofür ich Gott danke, doch noch zu uns. Davila war ein Häufchen Elend, das uns in Tränen ausbrechen liess. Sie wurde untersucht und es wurden Tests gemacht, alles wurde kontrolliert. Die unfassbare Diagnose? Schwere chronische Unterernährung und massive Misshandlungen durch den »Heiler« – davon zeugte ihr ganzer kleiner Körper. Lange, sehr lange dachten wir, sie würde nicht überleben. Der Vater, der sie besuchen kam, weinte bitterlich als er sie sah, ging zur Polizei und erstattete Anzeige gegen den sogenannten Heiler, der heute glücklicherweise hinter Gitter sitzt. Wir kämpften um das Leben dieses kleinen unschuldigen Mädchens und wussten, es müsste ein Wunder geschehen, sollte sie überleben. Sie fiel mehrere Male in ein tiefes Koma, hatte epileptische Anfälle, ihr Bauch war voller Wasser, sie hatte einen Hirnschlag, der ihre linke Seite lähmte, sie konnte nicht mehr sehen und hatte ihre Sprache verloren. Sie hatte zudem eine grosse infizierte Wunde am Hals, ich darf Ihnen gar nicht erzählen, wie diese ausgesehen hat und wie der »Heiler« sich um diese »gekümmert« hatte.

Davila 1 Web  Davila, wie sie zu uns kam

Wir unterliessen nichts, um Davila zu retten. Kardiologie, Neurologie, Nephrologie, Suche nach Tuberkulose, nach Kinderlähmung, MRI und vieles mehr. Wir brachten sie zu den besten Spezialärzten in der Stadt und sie bekam auch eine Bluttransfusion, da sie einen fast nicht mehr nachweisbaren Hämoglobinwert hatte. Das Gute – alle Tests waren negativ. Dann kam er doch, der Tag, an welchem wir ihrem Vater sagen mussten, dass das Ende wohl nahe sei und dass wir sie nun in Gottes Hände legen sollten. Er schaute mich lange schweigend an und sagte dann: «Aber es gibt doch Wunder, Madame Lotti, sagen Sie mir bitte, die gibt es doch?!» Ich nahm seine Hand in meine und sagte: «Ja, Papa, die soll es geben, aber ich zweifle, dass wir noch an ein solches glauben dürfen.» Er war anderer Meinung: «Ich glaube daran, es kann doch nicht sein, dass so ein kleines, unschuldiges Kind, das so schwer leiden musste, nun einfach stirbt. Es darf nicht sein, Sie haben doch nicht so viel Aufwand betrieben, damit Davila jetzt stirbt?!» Was sollte ich darauf antworten? Dass ich selten Wunder erlebt habe, aber an die Gerechtigkeit Gottes glaube? Dass es vielleicht für Davila menschlicher wäre, sterben zu dürfen als so zu leiden? Was kann man einem Vater schon sagen, der sich verantwortlich fühlt für das Schicksal seines Kindes. «Papa, » sagte ich schliesslich, «lass IHM die Wahl, Du hast ja gesehen, dass wir alles nur Menschenmögliche getan haben, wer weiss, vielleicht lässt Gott tatsächlich ein Wunder geschehen.» Und – das Wunder traf ein.

Davila geht es inzwischen viel, viel besser. Sie spricht, und wie sie spricht. Sie isst wie wohl noch nie in ihrem Leben, sie lacht, sie jauchzt, sie rührt uns zu Tränen mit ihrem einfach nur glücklich sein! Wir haben eine Kinesiologin für sie engagiert, die drei Mal die Woche vorbeikommt, in der Hoffnung, dass auch die Lähmung zurückgeht mit der Zeit. Alle lieben die kleine Davila, die anderen Kinder, das Personal, sie wird von allen nach allen Regeln der Kunst verwöhnt und jeden Tag wird sie im Rollstuhl in den Garten gerollt zum Spielen und Singen. Langsam aber sicher vergisst sie was war, vergisst all das, was ihr beigefügt wurde. Natürlich werden Narben zurück bleiben, sehr tiefe Narben, nicht nur körperliche, aber wieder einmal kann ich erleben, was man mit Glauben, Liebe, Geduld, Hoffnung und Hilfe erreichen kann.

Davila la Star Web               Davila et Marie Odile Web

Alle lieben die kleine Davila                                                                 Mit Marie Odile...

Davila und Kinesiotherapeutin Web        Davila und Dr NDa Web
Die Kinesiologin hilft ihr erste Schritte zu machen                                …und mit dem Chefarzt Dr. N’Da


Davilas Vater hat mich daran erinnert, dass es Wunder gibt, und dass wir die Hoffnung nie aufgeben sollten. Und so gebe ich auch die nicht auf, dass unsere Welt besser wird, dass die Menschen, alle Menschen, glücklich und zufrieden leben dürfen. Davilas Geschichte ist ein Schicksal unter Abermillionen, die nicht so leiden müssten, wenn es mehr Menschen gäbe, die hin- und nicht wegsehen würden. Und Sie gehören zu den Menschen, die sich dessen bewusst sind und die nicht die Augen verschliessen. Sie gehören zu den Menschen, dank denen wir helfen dürfen. Dank Ihnen können wir von solchen Wundern erzählen und uns darüber freuen, dass es sie offenbar doch gibt; die Gerechtigkeit. Gott begleite Sie!

Ihre dankbare

Lotti Latrous