Liebe Gönnerinnen, liebe Gönner

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr. Dass Sie bei guter Gesundheit bleiben, Ihre Tage voll sind von Sonnenschein und Licht und die Nächte voll von guten Träumen. Kurz, ein gesegnetes, harmonisches und vor allem friedvolles neues Jahr.

Hier in Abidjan hat das Jahr 2019 mit einem unendlich grossen Schmerz begonnen. Unsere frühere Mitarbeiterin Sylvie, die wir seit über zehn Jahren in unserem Spital gepflegt hatten, ist in der Silvesternacht um 4 Uhr in der Früh für immer eingeschlafen.

Sylvie war durch eine Krankheit am ganzen Körper gelähmt, so dass sie nicht einmal mehr sprechen konnte. Wir alle haben versucht, ihr die Welt, die aus ihrem Bett und der Decke, die sie anstarren konnte, und aus unseren Besuchen bestand, ein wenig erträglicher zu machen. Indem wir ihr das Radio einstellten, ihr aus einem Buch vorlasen oder verstanden, was sie uns ohne Worte zu sagen versuchte. All das liess sie, die früher als Nanny die Augen unserer Waisen leuchten liess, lächeln, denn das Lächeln hatte sie trotz allem nie verlernt. Ich sass am 31. Dezember lange an ihrem Bett und las ihr aus ihrem Lieblingsbuch vor. Aus einem Gedichtband, geschrieben von einer ebenso kranken Frau wie sie. Einer Frau, die ihr Schicksal, genau wie Sylvie auch, nicht zornig hinterfragte, sondern ihren Gefühlen in wunderbaren Gedichten Ausdruck verlieh.
Sylvie mit Tochter Carolle 16 J 2    Weihnachtsfeier Bassam Lotti und Sylvie 2

Sylvie mit ihrer Tochter Carol im Dezember 2016 beim Einzug in Bassam und an Weihnachten 2017


Ein Satz faszinierte mich so, dass ich ihn zweimal vorlas: «Ich schreite DIR entgegen. DU, in den ich mein ganzes Vertrauen gelegt habe, DIR, dem ich meine ganze Liebe gebe.» Ich hielt inne, sah Sylvie an und fragte aus einer Regung heraus: «Sylvie, hast Du Frieden und Ruhe in Deinem Herzen?» «Ja», zwinkerte sie mir zu und schenkte mir ein Lächeln. «Hast Du keine Angst?» «Nein», sagten ihre Augen, und wieder dieses Lächeln und ich wusste, dass sie nach all den Jahren bereit war loszulassen. Wohl auch, weil Ihre Tochter Carol, die wir in den letzten Jahren begleitet hatten, inzwischen zwanzig Jahre alt war und auf eigenen Beinen stand. Ich blieb, bis das Abendessen serviert wurde, verabschiedete mich dann von allen in dem Viererzimmer, in welchem Sylvie lag, und sagte zu allen: «Ich wünsche Euch eine gute Nacht! Morgen früh werde ich wiederkommen und Euch ein gutes neues Jahr wünschen.» Die Stimmung war ruhig und friedlich. Beim Hinausgehen traf ich auf Carol, die Tochter, die gekommen war, um ihrer Mutter das Essen einzulöffeln. Den diensttuenden Mitarbeitern sagte ich, dass ich wie immer an Silvester auch in dieser Nacht mein Telefon ausschalten würde, damit mich all die SMS-Grüsse nach Mitternacht nicht wecken.

Genau diese Nacht hatte sich Sylvie ausgesucht, um heim zu gehen. Ich hätte sie gerne begleitet, ich war mir aber auch sehr bewusst, dass Sylvie es mir wohl ersparen wollte, sie sterben zu sehen. Die Nachwache war aber bei ihr, und das ist gut so. Ich staune bei Sterbeprozessen immer wieder, wie die Sterbenden sich aussuchen, bei wem sie sterben wollen, oder wie sie exakt in dem Moment gehen, wenn man sie kurz allein lässt.

Am 1. Januar 2019 sah ich Sylvie zum letzten Mal und war berührt, wie schön sie war. Bis in den Tod lag dieses Lächeln und dieses ganz besondere Licht auf ihrem Gesicht. Ich habe die grosse Gewissheit, dass sie nun in Frieden ruht, bei IHM, den sie nie, während ihrer ganzen Leidenszeit nicht einmal dafür verantwortlich gemacht hatte für das, was sie durchleiden musste. Danke Sylvie, Du hast unser Leben reich gemacht.

Weihnachten 2018
Sieben Tage davor, am 24. Dezember 2018, hatten wir ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest mit den Kindern: Aziz hatte zusammen mit unserem Schreiner im Garten einen Stall und eine Krippe gebaut, und einige unserer Kinder und Mitarbeitende hatten ein Krippenspiel einstudiert, welches mit grossem Enthusiasmus und Freude vorgeführt wurde. Der Segen und Frieden lag auf unserem Waisenhaus und in dem Stall, wo ein kleines, neugeborenes Baby Jesus verkörperte. Nachts entfachten wir ein Feuer, grillierten rohe Erdnüsschen und Marshmallows, die unsere Tochter Sarah aus London mitgebracht hatte. Wir sangen und erzählten afrikanische Weisheiten. Die Ruhe, die uns umgab, erinnerte mich an die Stimmung in einem kleinen afrikanischen Dorf. Wir hörten dem knisternden Feuer zu und waren eine Truppe von sehr glücklichen Menschen – Patienten, Mitarbeitende und Kinder.

Am nächsten Tag kam natürlich auch ein Samichlaus, zwar etwas verspätet, aber das machte nichts. Die Freude war bei denen, die noch an ihn glauben, gross. Und natürlich gab es viel, viel gutes Essen; die Welt war so schön, auf alle Fälle bei uns.

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                                                                  Ein Tag voller Dankbarkeit für diejenigen, die das Glück haben, geben zu dürfen und von denjenigen, die das Gegebene würdevoll annehmen können.

Unsere grössten Kinder wollten dieses Jahr keine Geschenke, sie sagten zu mir, sie hätten ja alles, was sie brauchten. Ein Dach über dem Kopf, ein Bett, immer genug zu essen, die Möglichkeit die Schule zu besuchen, Medikamente und – unsere Liebe. Aber – sie hatten doch einen Wunsch. Sie wünschten sich, dass den allerärmsten Familien von Odoss, dem Slum, der hinter unserem Centre liegt, eine Freude gemacht wurde. Also brachten wir den Menschen, die abends hungrig ins Bett müssen, ein Weihnachtsessen und konnten die Freude darüber noch steigern, als wir ihnen sagten, dass sie ab jetzt immer genug zu essen haben werden, da wir sie ab sofort mit Essen versorgen würden. Mehr dazu dann in meinem nächsten Brief.

20 Jahre Centre l'Espoir
Am 1. Februar feierte unser Centre sein 20-jähriges Jubiläum. Am darauffolgenden Samstag zelebrierten wir dies ausgiebig mit unserem Personal und den Jugendlichen bei viel guter Laune, Freude und Lachen einen ganzen Tag lang.

Wir waren mehr als 80 Personen, viele davon begleiten uns seit über 15 Jahren. Die Babys von damals sind gross geworden und machen uns sehr glücklich. Es sind unsere Kinder, die ohne uns nicht überlebt hätten. Und sie führen uns sprichwörtlich vor Augen: man erntet, was man sät. Früher oder später, es braucht nur Zeit und Geduld. Wenn man Liebe sät, bekommt man sie zurück, wenn man Hoffnung sät, wird man sie ernten. Das Centre und die Kinder sind grösser geworden, wir alle älter, und trotz aller Mühen sind wir der Überzeugung, dass sich das alles gelohnt hat.

20 ans ados 2 2 Homepage   20 ans dance Homepage

20 ans tout le groupe 2 Homepage

Wir spüren es in den Herzen und sahen es in den Augen all dieser Menschen, die mit uns feierten. Und sie bezeugen uns, dass die Wahl, die wir vor so vielen Jahren getroffen hatten, die einzig richtige war. Sich in ein Projekt zu stürzen, das schnell wieder zu Ende gegangen wäre, hätten wir nicht immer und immer wieder Ihre Hilfe, liebe Gönnerinnen, liebe Gönner, erhalten. Dank Ihnen ist dieses Projekt am Leben.

Ich bedanke mich aus ganzem Herzen und grüsse Sie innigst.

Ihre Lotti Latrous