Erlauben Sie mir bitte, Ihnen allen mit etwas Verspätung ein sehr gutes neues Jahr zu wünschen. Dass es ein Jahr der guten Gesundheit wird, eines voll von Licht und Glück, und dass alles, was Sie unternehmen möchten, gelingen wird! Gleichzeitig entschuldige ich mich, dass dieser Brief mit Verspätung bei Ihnen eintrifft. Ich habe eine sehr ereignisreiche Zeit hinter mir, in der ich nicht zum Schreiben kam. Da war erstens die Weihnachtszeit, die ich dieses Jahr in der Schweiz, mit meiner Familie und unserer Enkelin Klein-Léa verbrachte. Kurz davor erschien mein Buch »Was war. Was ist. Was zählt.«, das ich über mein etwas verrücktes Leben geschrieben habe. Das eigene Buch – wie oft hatte ich ganz fest gezweifelt, ob es wirklich einmal so weit kommen würde. Im Januar war ich mit meinem Verlag auf einer Lesetour, die uns in acht Schweizer Städte führte. So kam ich zu einer Rundreise durch die schöne Schweiz. Ganz ehrlich: Anfänglich wollte ich nicht mitmachen, denn ich hatte Angst vor zu viel Luxus – rückblickend muss ich aber bekennen, dass ich noch selten so viele freundliche, liebe Menschen getroffen habe, und eine schöne Zeit erlebte. Diese Reise war für mich Erholung und ich konnte meine Batterien ganz auffüllen. Jemand hat mir einmal gesagt: „Bevor Du einen Menschen vor dem Ertrinken retten kannst, musst Du selber schwimmen können.“ Also, für Dich selbst schauen können.

 

Nun bin ich seit zwei Tagen wieder zurück in Bassam. „Zu Hause!“ Ich stelle immer und immer wieder fest, wie sehr mir dieser Ort fehlt, wenn ich nicht hier bin. Dieser Ort mit seinen Freuden und Leiden, seinem Schmerz und Glücklichsein, seinen Tränen und seinem Lachen. Wie hier alles blüht und gedeiht ist eine wahre Freude: Die Bananenstauden, die Mango-, Papaya-, Avocado- und Passionsfruchtbäume, die wunderbaren Blumen und Sträucher, die Paradiesblumen, die Rosen und sogar die Orchideen, die wir erhalten haben, auch sie fühlen sich wohl hier.

Blumen Bassam 2 Feb 20 Blumen Bassam Strauch 2

Und dann die Kinder: Ich war nur zwei Monate weg, aber sind sie gewachsen, genau wie die Pflanzen. Was kein Wunder ist bei all der Liebe und Aufmerksamkeit, die sie hier erhalten. Auch ihre Schulzeugnisse erwarteten mich, und auch da, wie überall auf der Welt, gibt es gute und schlechte Noten, das ist normal. Aber das Wichtigste ist: Alle sind sie bei guter Gesundheit, und das, obwohl sie fast alle sterbend hier ankamen. Wir durften sie retten und ihnen Hoffnung auf eine Zukunft geben, trotz ihrer Krankheit. Wir haben zwei neue Kinder bekommen, Jacky, ein sechs Jahre altes Mädchen, und den kleinen Jordan, ein aufgestelltes Bürschlein von vier Jahren. Jacky war sehr krank, als sie hier ankam, Aids und Tuberkulose. Lächeln sah man sie nie. Heute ist sie über den Berg und isst für vier, man könnte meinen, dass sie all die Jahre des Hungers aufholen muss. Wir haben im Moment 42 Kinder im Waisenhaus, die Jüngste ist Klein-Ruth, sechs Monate alt, und der Älteste ist unser Youssouf, 24 Jahre alt. Was für eine Freude, alle die Kinder wieder zu sehen, so fröhlich und munter, voller Lebensfreude. Sogar unsere kleine Davila, das erst sechs Jahre alte Mädchen, das schon mehrere Hirnschläge hatte und halbseitig gelähmt ist. Ich liebe sie so sehr, alle diese Kinder, die ein so schweres Erbe auf den Schultern tragen, die Krankheit ihrer Mütter. Aids.

Geburtstage Februar 2020 1 Samira Reine Ablo Yacou 3            Jacky und Davila Jan 20 3

Geburtstagsfeier im Februar                                                                                           Jacky und Davila

Auch unsere achtzig Mitarbeitenden wieder zu sehen war eine Freude. Es geht allen gut. Sie haben eine Gehaltserhöhung erhalten und sind dankbar, dass sie ihr Leben dank ihrer Arbeit bei uns meistern können. Es ist ein einfaches, aber würdiges Leben. Wir zeigen ihnen immer wieder, wie dankbar wir auch ihnen sind, für das, was sie alles tun. Ohne sie wären wir auf verlorenem Posten.

In den Krankenzimmern, in die ich nach meiner jeweiligen Ankunft immer zuletzt hin gehe, fand ich auch noch einige Patienten vor, denen ich vor zehn Wochen auf Wiedersehen gesagt habe. Andere durften nach Hause zurückkehren, viele sind gestorben und dort angekommen, wo es nur noch Ruhe und Frieden gibt. Einen der Patienten, der hoffentlich noch lange bei uns leben wird, möchte ich Ihnen vorstellen.

Monsieur Gozé

Er heisst Monsieur Gozé und ist 37 Jahre alt. Vor vier Jahren brachte ihn seine damals 60-jährige Mutter in einem ganz schlimmen Zustand zu uns. Die Füsse hatte er samt den Beinen starr an seinen Körper gezogen, die eine Hand weit abgewinkelt, die andere hing schlaff an seinem Körper. Seine Mutter erzählte uns seine Geschichte.

Monsieur Gozé kam leicht behindert auf die Welt, er zog ein Bein nach und der eine Arm folgte ihm nicht. Nach der „Primarschule“ begann er, Shampoos und Seifen herzustellen, die er in Coiffeursalons verkaufen konnte. Er wohnte mit seiner Mutter in einem Hüttchen im Slum von Adjouffou. Eines frühen Morgens, es war noch dunkel, machte er sich wie gewohnt auf den Weg. Da wurde er von einer Bande von Kindern überfallen, die zu diesem Zeitpunkt nicht älter als zehn, zwölf Jahre alt waren. Diese Kinderbanden verbreiten Terror in den Quartieren – selbst die Polizei hat Angst vor ihnen. Diese Kinder stehen alle unter Drogen und wollen nicht nur stehlen, sondern sind richtig blutrünstig, sie töten. Man nennt sie hier Mikroben.

Monsieur Gozé wurde mit einem Messer mehrmals in die Wirbelsäule gestochen und mit einer Machete wurde ihm die rechte Hinterbacke abgetrennt. Danach schlugen sie ihn mit einem grossen Ast immer wieder auf den Kopf und liessen ihn dann liegen. Tot. Dachten sie. Aber er war nicht tot, Leute vom Quartier schleppten den bewusstlosen Mann ins Krankenhaus, wo er ein paar Tage behandelt wurde und dann gehen musste, da das Geld fehlte. In diesem Zustand brachte ihn seine Mutter zu uns, sie kannte uns, weil sie selber schon lange bei uns in Behandlung ist. Und nun liegt Monsieur Gozé seit vier Jahren hier, in seinem Bett. Er kann gar nichts mehr selber machen, weder essen noch sonst irgendetwas. Oft ist er sehr aggressiv gegenüber dem Krankenpersonal, und immer wieder hört man ihn schreien wie ein verwundetes Tier. Wir wissen, es ist nicht mehr aus körperlichem, sondern aus seelischem Schmerz. Wir haben ihm ein Radio gekauft und fahren ihn jeden Tag in seinem Rollstuhl nach draussen, wo ein Fernseher steht, oder in den Garten, wo er den spielenden Kindern zusehen kann.

Da er nicht in die Kirche kann, bringe ich die Kirche jeden Sonntagmorgen zu ihm. Er liebt es, wenn wir ihm aus der Bibel vorlesen, und vor allem liebt er das Singen. Eines Sonntags brachte ich meinen kleinen Lautsprecher mit und liess das Lied „You Raise Me Up“ laufen, und dann sangen wir es alle zusammen und ich stellte fest, dass Monsieur Gozé eine wunderschöne Stimme hat. Seither will er das Lied immer und immer wieder singen, er kennt in der Zwischenzeit die englischen Worte auswendig. Und jedes Mal sehe ich wie sein Gesicht, seine Augen sich erhellen, und wie glücklich er in diesem Moment ist.

Les petits Jan 20 2           M Goze 1 2

Unsere Kleinen                                                                                                            Monsieur Gozé

Und noch etwas macht ihn glücklich: Wenn wir ihm seinen geliebten Palmwein kaufen und ein, zwei kleine Gläser einschenken. Palmwein ist ein hiesiges Getränk, das in etwa denselben Alkoholgehalt hat wie Bier. Und dann liegt er da, sein Glas neben ihm auf dem Nachttischchen, und singt. Und jedes Mal danke ich für dieses wunderbare Geschenk, das wir erhalten haben, einigen Menschen auf dieser Erde ihre Würde und ein wenig Glück geben zu dürfen. Ihr Glücksgefühl ist es, das auf uns abfärbt und uns derart dankbar macht.

Und dieser grosse Dank gilt auch Ihnen, liebe Gönnerinnen, liebe Gönner, immer und immer wieder, jeden Tag. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen die gleiche Freude, wie ich sie in mir trage!

Herzlichst

Ihre Lotti Latrous

PS:

Heute, während dem ich Ihnen schreibe, wird Adjouffou abgerissen. Die Maschinen kamen sehr früh am Morgen und mit ihnen die Armee. Viele Tränen fliessen, Schreie und Schluchzen sind zu hören. 500‘000 Menschen verlieren ihr kleines Hab und Gut – ein paar Tücher, ein paar Pfannen, ein paar Plastikkübel. Vor allem aber ihr bescheidenes Dach über dem Kopf. Und alle wissen sie nicht, wohin sie gehen sollen. Eines nur ist geblieben: Der Glaube. Den kann ihnen niemand stehlen oder zertrümmern. Und dieser Glaube ist es, der ihnen genügend Kraft geben wird, mit allem noch einmal von vorne zu beginnen, noch einmal aufzustehen, noch einmal zu hoffen. Weiterzumachen.