Wieder einmal darf ich mich an Sie wenden. Dieses Mal bin ich mit unseren 42 Waisenkindern, 6 Patienten und 20 Angestellten in Quarantäne, und das seit über zwei Monaten. Es geht uns gut, Covid 19 hat uns bis jetzt verschont, und das hoffe ich für Sie und Ihren Lieben!

Aber fangen wir doch von vorne an. Aziz und ich flogen am 27. Januar nach Bassam, wo wir Marie-Odile, die noch zwei Wochen bei uns blieb, sowie unsere Grossfamilie gesund und fit antrafen. Als immer mehr Meldungen eintrafen, dass das Virus auch vor dem afrikanischen Kontinent nicht Halt macht, riet ich Aziz in die Schweiz zu reisen. Es war mir zu brenzlig, ihn hier zu wissen, denn erstens ist er 73 Jahre alt und zweitens hat er eine Vorerkrankung der Lunge. Er kam gut in der Schweiz an.

Wir in Bassam taten was wir konnten, um in unseren Zentren alle zu schützen. Ich kaufte ein paar Tausend Mundschutzmasken, ebenso viele Handschuhe, Kopfbedeckungen und Überblusen ein, um meine Mitarbeitenden zu schützen, denn ich wusste, dass die Hilfe des Staates auf sich warten lassen würde. Ich hatte Glück, denn zehn Tage später gab es gar nichts mehr davon in ganz Abidjan.

Kurz darauf gingen die Schulen zu, und es wurde eine nächtliche Ausgangssperre erlassen, und all die alten Menschen und solche mit chronischen Erkrankungen mussten zu Hause in Quarantäne. Chronisch krank sind auch unsere Kinder und mehrere Mitarbeitenden. Also suchte ich Personal, das einverstanden war, mit uns im Waisenhaus zu bleiben. Und ich war auch hier erfolgreich: Alle waren guten Willens und sagten mir, dass sie mindestens drei Monate bleiben könnten. Auch musste ich sämtliche Aids-Therapien für unsere Kinder für die nächsten drei Monate besorgen und Notreserven machen lassen. Es dauerte drei Tage, dann war alles aufgegleist.

Als nächstes galt es, das Ambulatorium zu organisieren, denn unsere Aids-Patienten mussten ja nach wie vor zur Kontrolle kommen und brauchten die lebensnotwendigen Medikamente. Wir haben auch Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck etc. Alle diese Menschen durften – nur aus Angst vor dem Virus – nun doch nicht ausgeschlossen werden. Wir kümmerten uns auch um unsere Sozialfälle: Hunderte HIV-positive Mütter und ihre Kinder, die ohne unsere finanzielle Hilfe nicht wissen, wie sie den Mietzins und ihr Essen bezahlen sollen. In der Krise war das erst recht ein Problem, denn die Lebensmittelpreise hatten sich im Nu verdreifacht. Es trifft – wie immer – die Ärmsten am schnellsten.

Am Schluss meiner ganzen Organisation kümmerte ich mich dann noch um einen privaten Transport für unsere Mitarbeitenden, denn ich wollte sie in den immer absolut überfüllten öffentlichen Bussen keiner Gefahr aussetzen. Auch das klappte sehr gut.

Ja, wir haben alle Sicherheitsmassnahmen ergriffen, die möglich sind, dazu haben wir separate Ein- und Ausgänge geschaffen und Seife, Wasser und Desinfektionsmittel bereitgestellt. Für genügend Distanz zwischen den Patienten sorgt unser Wächter; mit seinem Meterstab fuchtelt er – sehr erfolgreich notabene – in der Luft herum. Zudem müssen alle eine Maske tragen, die wir bei lokalen Schneidern machen liessen. Sowohl Mitarbeitende wie Patienten sind sehr dankbar, dass auf sie so viel Rücksicht genommen wird. Was für europäische Begriffe das Normalste ist, wird hier nur sehr selten berücksichtigt. Das Pflegepersonal der öffentlichen Spitäler hat über einen Monat ohne Schutzmaterial gearbeitet. Und jetzt kommt das Material nur unregelmässig und es hat nicht genügend für alle.
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Unser Personal ist professionell ausgerüstet

Seit der Schulschliessung erhalten die Kinder Unterricht von unserer Pädagogin Valérie, sie hat ein grossartiges Programm auf die Beine gestellt. Neben dem Lernen wird auch gearbeitet: Die Kinder helfen dem Personal, sei es in der Küche, der Wäscherei oder im Garten, sie putzen, und die Grossen helfen den Nannys. Dazu gibt es aber auch Sport und Kultur. Es wird gebastelt, Veranstaltungen werden organisiert, und oft höre ich die Kinderschar lachen und jauchzen. Ihre Welt ist in Ordnung, sie sind umringt von Sicherheit und Liebe.

Nun möchte ich Ihnen aber endlich von meinem Herzensprojekt berichten – von unserem Dorf «Village AYOBÂ L’Espoir», was in etwa mit «Guten Tag Hoffnung» übersetzt werden kann. Im September 2019 hatten wir das Glück, ein rund 2.500 Quadratmeter grosses Land mit Dutzenden von alten Palmen erwerben zu können, das direkt an unser Centre grenzt. Bis anhin war es die Abfallgrube des Quartiers. Wir erklärten unseren Nachbarn, dass wir etwas Gutes machen möchten. Und allen, die am Rande der Abfallgrube ihr kleines Gewerbe hatten, versprachen wir, dass sie nicht wegziehen müssten, sondern dass wir Platz schaffen würden, damit sie ihren Verkauf weiterführen können. Als erstes schufen wir dann einen neuen Gehweg, der in den Slum Odoss führt, der sich grad hinter unserem Centre befindet, denn der alte führte über die Abfallgrube.

Das neue Dorf bauten wir in erster Linie für alte Menschen, die unter chronischen Krankheiten leiden. Diabetes zum Beispiel kann, wenn sie nicht behandelt wird, zu Blindheit und/oder Amputationen von Gliedmassen führen, daher ist es wichtig, dass diese Menschen umfassende Hilfe bekommen. Wir möchten im Dorf aber auch behinderte und gelähmte Menschen aufnehmen und Kinder, die mit einer schweren Behinderung zur Welt kamen. Sie haben es in Afrika besonders schwer. Wie schwer, zeigt die Tatsache, dass ihre Mütter als Hexen verschrien sind. Es gibt unzählige solcher Menschen, die in unwürdigen Umständen leben müssen, Hilfe bekommen sie meist nur von Nachbarn, die meist selber nichts haben. Unser neues – generationenübergreifendes – Projekt, in welchem behinderte und/oder kranke Menschen mehr als ein Dach über dem Kopf bekommen, werden wir eröffnen, sobald die Coronakrise vorbei ist.

Premiers habitants Homepage   Gemeinschaftsküche Homepage

Die ersten Bewohner                                                                                                           Die Gemeinschaftsküche

Dass mein Herzenswunsch Wirklichkeit werden konnte, habe ich all den Arbeitern zu verdanken, die schon unser Centre in Bassam gebaut haben. Und natürlich Aziz, der mit seiner grossen Erfahrung auch jetzt wieder die Bauleitung übernommen hat. Es war eine grosse Freude zuzusehen, wie alles aus dem Boden gestampft wurde: Dreizehn Häuschen, eine grosse afrikanische Küche, sechs Toiletten und sechs Duschen und je einen Andachtsraum für Christen und Moslems, sowie ein Hühnerstall, um jeden Tag ein paar frische Eier zu haben.

Nachdem Aziz abgereist war, dirigierte er den Bautrupp von Genf aus, und ich ging mehrere Male pro Woche schwer (schutz-)verkleidet auf den Bau. Und so wurde der letzte Stein genau zum richtigen Zeitpunkt gesetzt, denn kurz darauf liess der Staat verkünden, dass sämtliche Restaurants, Night-Clubs, Bars, Shops etc. wieder öffnen durften und dass die Jugendlichen, welche dieses Jahr noch ihre Matura ablegen müssen, sowie die Studenten ab dem 25. Mai wieder in die Schule müssen. Unser Dilemma war Folgendes: Wie sollten wir die Mitarbeitenden und unsere 36 Kinder schützen, wenn 6 unserer Maturanden und Studierenden ein- und ausgingen? Nun – ganz einfach: AYOBÂ, wurde mir bewusst, war die perfekte Lösung. Die sechs Jugendlichen konnten dort wohnen und so wären wir anderen geschützt. Am 24. Mai war es dann soweit, die sechs zogen, samt ihren Dorfeltern, von denen ich Ihnen im nächsten Brief erzählen werde, ins Dorf. Und wenn es weitere Lockerungen gibt, werden sie zurück ins Waisenhaus ziehen und zu diesem Zeitpunkt wird es dann möglich sein, das Dorf mit den chronisch kranken Menschen und Kindern zu bevölkern, die uns so am Herzen liegen. Sie sehen: Immer wieder die PROVIDENCE – die Vorsehung, sie hat uns nie verlassen.

Déménagement au Village Homepage          Ayoba 31.05.20 Homepage 2

Einige Kinder halfen den Grossen beim Umzug ins Village Ayobâ – sie trugen alle Masken, einerseits, weil sich ein Wächter und noch ein
paar Arbeiter auf dem Gelände befanden, andererseits wollen wir auch unbedingt die Kinder an das Tragen von Masken gewöhnen.


Wir sind Ihnen allen aus ganzem Herzen dankbar, dankbar für Ihre Hilfe, dankbar für Ihr Vertrauen, dankbar, dass dank Ihnen so viele arme Menschen ihre Würde behalten oder sie zurückbekommen dürfen. Gott segne Sie. Ich wünsche Ihnen alles Liebe und Gute.

Herzlichst und mit meinen respektvollsten Grüssen

Ihre
Lotti Latrous